Schall und Rauch.

Beim Glemseck 101 wird Customizing auf die Spitze getrieben.

Klassische Boxer, stilechte Café Racer, eigenwillige Umbauten – am Glemseck 101 in Leonberg feiert die Custom-Szene zum elften Mal in Folge ihre schnellsten und schönsten Aspiranten.

Wer auf der Tribüne entlang der legendären Achtelmeile einen Platz ergattert, weiß nicht recht, wo er zuerst hinschauen soll. Dann schwingt Laura die Startflagge – und Schall und Rauch der Sprint-Racer versetzen das Publikum in eine längst vergangene Zeit an der Solitude-Rennstrecke.

Hektisch zwängt sich ein feiner Herr mit Anzug und Krawatte, Melone und Aktenköfferchen zwischen den luftgekühlten Zweizylinder-Maschinen hindurch. Vor dem Sprintbeemer in windschnittiger Vollverkleidung macht er Halt, tippt dem Fahrer auf die Schulter und deutet eindringlich auf seine Uhr. Vier Mechaniker versammeln sich um den auffälligen BMW Umbau, schieben ihn quer durch den Paddock, bis das Unikat aus der französischen Lucky Cat Garage anspringt und schnurrt wie ein Kätzchen. Ein Burnout zum Aufwärmen und die Maschine schießt hinaus auf die Achtelmeile. Links von ihr fliegt Ferdinand the Sparrow, ein schön gemachter Klassik-Dragster. Der Spatz gegen die Katz. Der Vogel lässt schnell Federn, schon auf den ersten Metern fliegen Fahrer Marco die an seiner grauen Kombi angeklebten schwarzen Flügel auf und davon.
Der Spatz sprintet flügellos weiter. Am Ende verschlingt der Vogel völlig unerwartet die Katze. Hinten in der Startzone springen die Young Guns mit flatternden Hawaiihemden in die Luft, sind völlig aus dem Häuschen. Die Custom-Szene feiert mit den jungen Wilden, die das Vogelgespann ins Rennen geschickt haben und damit dem großen Seb „The Lucky Cat“ Lorentz einen Sieg abtrotzen konnten. Dann lassen alle 16 Teilnehmer des Rennens „Sultans of Sprint“ ihre Motoren an und ziehen mit lautem Getöse und einer Qualmwolke von Dannen. Der Start ist frei für den nächsten Sprint auf der Achtelmeile. Für die nächsten Motorradverrückten. Für die nächsten sensationellen Umbauten, von denen man an diesem Wochenende am Glemseck 101 gar nicht genug bekommen kann.
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Die Katz gegen den Spatz: Seb „The Lucky Cat“ Lorentz tritt mit dem Sprintbeemer gegen „Ferdinand the Sparrow“ an.

Heritage auf der alten Solitude

Bei den Sprints auf der ehemaligen Rennstrecke werden alte Freundschaften gepflegt.
Von wegen Einsamkeit.

Wenn am Glemseck 101 private Umbauer und professionelle Customizer einlaufen, um ihre neuesten Kreationen ins Rennen zu schicken, ist es definitiv vorbei mit der Solitude – zu Deutsch Einsamkeit. Am ersten September-Wochenende versinkt die alte Start-Ziel-Gerade der Solitude-Rennstrecke in Schall und Rauch. Direkt neben der Achtelmeile und der anschließenden Einkaufsmeile kauen Kühe gemächlich ihr Gras wieder. Ihre Weiden erstrecken sich bis hinunter zum Fluss Glems und hinüber zur Bühne, auf der am Abend der Punk, der Rock und der Blues abgehen.

Auf der anderen Seite der Rennstrecke erhebt sich die bis an den Rand gefüllte Tribüne und hinter ihr beginnt schon der Wald, der sich fast lückenlos bis zum fünf Kilometer entfernten Schloss Solitude erstreckt. Das schwäbische Schloss gab der einstigen Rennstrecke ihren Namen. Schon 1903 wurden hier Bergrennen ausgefahren. Bis 1965 gastierten unzählige Motorradrennen und in den wilden Sechzigern gar die Formel 1 auf der Naturstrecke im Mahdental. Heute stemmt die Landstraße – zumindest die meiste Zeit des Jahres – den Berufsverkehr zwischen Leonberg und Stuttgart.

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Mit Vollgas in die Vergangenheit.
Zurück in die wilden Sechziger.

Seit elf Jahren kehrt im September Rennfeeling zurück auf die Solitude. Denn Glemseck 101 nutzt die Start-Ziel-Gerade für Beschleunigungsrennen über die Achtelmeile. Eins gegen eins (dafür steht die 101) im K.-o.-System. Die Rauchzeichen der vergangenen Jahre ziehen immer weitere Kreise. So ist die Veranstaltung mittlerweile ein fixer Termin in den Kalendern der Customizer und Liebhaber der Heritage-Motorradkultur. Besucher reisen mit ihren Serien- und Custom-Bikes an und parken direkt an der Einkaufsmeile, die im Nu einem Freiluftmuseum gleicht. Begabte Hobbyschrauber treffen an der Achtelmeile auf Customizer mit Rang und Namen.

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Eine Begegnung auf Augenhöhe, bei der Motorrad-Leidenschaft und Freundschaft im Mittelpunkt stehen – und natürlich die stolz präsentierten Umbauten: Café Racer, Klassiker, Boxer, Tracker, Bobber, Scrambler. Manche geschmückt mit allem, was die Motorradgeschichte an Teilen hergibt. Andere völlig reduziert auf den Kern: zwei Räder, ein Rahmen, ein Motor. Glemseck 101 versetzt einen zurück in die Sechziger, jene Zeit, als in London die Café-Racer-Bewegung ihren Anfang nahm – und eine Waldstraße vor den Toren Stuttgarts die Blicke der Motorsportwelt auf sich zog.

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Tiefflug über die Achtelmeile

Schaulaufen der Racing-Größen: Beim Sprint International misst sich die Rennfahrer-Prominenz.
Geballtes Sprint-Konzentrat.

Die Schlechtwetterfronten haben sich verzogen. Nachdem die Sprintrennen beim Wheels and Waves in Biarritz, bei den BMW Motorrad Days in Garmisch und auch beim Café-Racer-Festival in Monthléry südlich von Paris verregnet waren, erwartet Leonberg die Customizer-Szene mit angenehmen 25 Grad und leichtbewölktem Himmel. Besser geht’s nicht. Elf Sprints stehen am Glemseck auf dem Programm, auch der Boxer Sprint von den BMW Motorrad Days wird nachgeholt. So gehen die Tiefflüge über die Achtelmeile Schlag auf Schlag. Ein Trommelfeuer von kaum gedämpften Kolbenschlägen.

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Maria Costello konzentriert am Start.

Neben den eingangs beschriebenen Sultans of Sprint verzückt die Heritage-Fans der Café Racer Sprint, der Ur-Sprint des 101 mit luftgekühlten Motorrädern; oder der StarrWars Sprint, bei dem Motorräder mit starrem Heck im Mittelpunkt stehen. Deren Bauweise lässt sich in direkter Linie zu den Anfangstagen der Motorradentwicklung zurückverfolgen.

Unter die StarrWars-Rebellen mischt sich Sebastian Gutsch von BMW Group Classic, der mit einer R 63 aus dem Jahre 1928 die mit Abstand älteste Maschine des Feldes fährt – und die als einzige im Feld mit Handschaltung dirigiert wird. Den ersten Durchgang entscheidet Sebastian Gutsch für sich, ehe er sich gegen den späteren Sieger geschlagen geben muss. Für den Flashdance Sprint, bei dem Ladys die Gentlemen herausfordern, betritt er das Parkett nochmals mit seinem spektakulären Oldtimer. Im Duell gegen Rennsportikone Maria Costello und die R 50 S Kaczor, einem weiteren Highlight von BMW Group Classic, kann er auf der Achtelmeile jedoch nichts ausrichten.

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Englisches Duell: Maria Costello gegen Carl Fogarty.

Beim Sprint International herrscht ein selten gesehenes Aufgebot an illustren Größen des Rennsports. Am Start steht Maria Costello, die First Lady der Isle of Man TT, mit ihrem R nineT Scrambler Umbau „BeachBitch“. Ihr Rivale ist kein geringerer als Superbike-Legende Carl Fogarty auf der „Bloody Hell Fast Triumph“. Premier League live! Für BMW Motorrad startet zudem das bayerische Original Karl Maier. Der viermalige Langbahn-Weltmeister wirbelte mit seinem R nineT Umbau „Flat Tracker“ bereits im Juni über die Sandpiste von Wheels and Waves in San Sebastián. Beim Glemseck 101 geht er zum ersten Mal in einem Sprint an den Start.

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Keiner zelebriert den Burnout mit so viel Hingabe wie Karl Maier.

Den Siegeswillen hat das Urgestein auch 20 Jahre nach Beendigung seiner Profikarriere nicht abgelegt. CCS-Champion Nate Kern ist extra aus den USA eingeflogen, um die Konkurrenz mit dem nagelneuen R nineT Build „Goldrausch“ vom Asphalt zu fegen. Die Profis liefern eine Riesenshow ab. Allen voran Karl Maier und Nate Kern, die auf der Strecke ganz offensichtlich ihren Spaß haben und das Publikum mit ihrer zwanglosen und spontanen Art mitreißen. Am Ende reicht es für die BMW Piloten nicht ganz fürs Finale. Dort setzt sich der Underdog „Shiny Harry“ von Berham Customs gegen die „FatMile“ von Suzuki durch, nachdem er im Halbfinale Carl Fogarty aus dem Rennen warf.

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Dieser Laufsteg misst 201,17 Meter.

Die Achtelmeile wird zum Catwalk, als die 16 Schönheiten des Essenza Sprints im Schritttempo an der Zuschauertribüne entlangfahren. Customizer Winston Yeh ist mitsamt seinem neuesten Objekt „Bavarian Fistfighter“ auf R nineT Basis aus Taiwan eingeflogen. Seinen Faustkämpfer fährt der hochkarätige Industrial Designer im Rennen gleich selbst. US-Rennfahrer Nate Kern tritt dieses Mal mit der „Church of Choppers“ von US-Customizer Jeff Wright an.
Das BMW Quartett wird vervollständigt von der R 1200 R „Goodwood 12“ von VTR Customs, pilotiert von Amelie Mooseder sowie der „DA#4“ aus dem Hause Diamond Atelier mit Fahrer Jens Kuck. Bei dieser Challenge geht es neben dem Sieg im Sprint auch um das besondere Design. Dieses bewerten sowohl das Publikum als auch eine Fachjury zu gleichen Teilen. Glemseck 101 ist nur der erste Aufschlag des Essenza-Starterfeldes. Wenige Wochen später treten die Custombikes bei der Intermot 2016 in Köln ein weiteres Mal gegeneinander an.
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Boxer Sprint: Klappe, die zweite.

Duell der Zweiventil-Boxermotorräder: der BMW Boxer Sprint.

Boxer Sprint: Klappe, die zweite.

Was an den BMW Motorrad Days aufgrund des strömenden Regens nicht möglich war, wird beim Glemseck 101 mit der Unterstützung von Essenza nachgeholt: 16 BMW Zweiventil-Boxer (Flat-Twins) liegen für den Boxer Sprint auf der Lauer und warten darauf, auf der Achtelmeile ihr Können und ihre Kraft unter Beweis zu stellen. Die Fahrer – alle private Customizer – haben ihre Schmuckstücke, darunter viele Café Racer, auf Hochglanz poliert. Bevor es losgeht, betritt nochmals einer die Bühne, der sich am Glemseck 101 in kürzester Zeit zum Publikumsliebling gemausert hat: Nate Kern. Die Zuschauer johlen, als Nate gegen Dr. Ralf Rodepeter, Head of Marketing and Product Management von BMW Motorrad, antritt. „Should I let him win? Noooo“, sagt Nate vor dem Start. Dann prescht er auf die Strecke und pusht seine Maschine wie ein Jockey mit imaginären Schlägen aufs Heck nach vorn. Sieg.

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Das Podium des Boxer Sprints (v. l.): Steffen Wittig, Ulrich Beppler und Norman Senger.

Danach geht es im Boxer Sprint ans Eingemachte. Von den 16 Teilnehmern setzt sich am Ende im K.-o.-Verfahren Ulrich Beppler aus Ramberg mit seiner R 80 GS durch. Er gewann den Boxer Sprint bereits im Vorjahr und verteidigt hier seinen Titel in souveräner Manier. Auf den zweiten Platz sprintet der Rüsselsheimer Norman Senger mit seinem 100 RS Café Racer. Das Siegertreppchen komplettiert Steffen Wittig aus Essen mit der BMW R 50/2. Für den Boxer Sprint an den BMW Motorrad Days 2017 kann man sich voraussichtlich ab Mai über die Zeitschrift MO bewerben. Einzige Voraussetzung dazu ist ein BMW Zweiventil-Boxermotorrad.

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Ring frei für Glemseck 2017

Als am späten Sonntagnachmittag Wind aufkommt und eine Regenfront über das Mahdental zieht, ist der letzte Sprint in vollem Gange. Um Haaresbreite kann er nicht vollständig durchgezogen werden und wird kurzerhand aufs nächste Jahr verschoben. Trotzdem: Die Sprint-Quote ist im Jahresvergleich enorm. 101-Macher Jörg Litzenburger schaltet sein Mikro ab, über das er zwei Tage lang fast durchgehend kommentiert hat.
Kaum ein Wort bringt er mehr heraus, heißer ist er und erschöpft. Aber glücklich. Da geht es ihm nicht viel anders als so manchem Gast, der zwei Nächte auf dem Campingplatz und zwei Tage mit voller Dosis Motorrad-Lifestyle hinter sich hat. Schon auf dem Heimweg bekommt man Heimweh nach Glemseck 101. Der Termin für nächstes Jahr ist notiert: 1. bis 3. September 2017.
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